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Kneipen-Töne
ein Bericht aus dem Schwarzwälder Bote vom
5.November 2004
von Bodo Schnekenburger
Deißlingen. Das mit Kultur war eher Zufall,
denn als Christa Stöhr sich entschloss, dem rund
270 Jahre alten Bau in der Deißlinger Ortsmitte
neues Leben einzuhauchen, hatte sie eigentlich ein
Sozialprojekt im Hinterkopf. Das zerschlug sich dann
aber recht schnell, nachdem die Zuschusslage nicht
so war wie erhofft. Und dann kam eben die Kultur.
Ganz von selbst.
Der "Bären" in Deißlingen im Kreis
Rottweil ist ein Gasthaus wie andere auch. Man isst
regional, reichlich und unter Berücksichtigung der
Jahreszeit, man trifft sich, trinkt ein Glas oder
zwei mit einander. Der Bären, der inzwischen
"De Bäre" heißt, nicht etwa, weil ein
wenig Frankophilie möglicherweise zusätzlich
Gäste locken könnte, sondern weil "De
Bäre" der Mundart näher liegt als
"Gasthaus Bären", ist aber bereits in
Bezug auf das Publikum und dessen Verhalten anders
als andere Kneipen.
Auch das kam ganz von selbst. "Ich wollte
einfach Raum bieten", erinnert sich Christa
Stöhr. Zunächst eigentlich Menschen mit
Beeinträchtigungen, die Unterkunft, Arbeit und
Begegnung finden sollten, dann eben den Gästen. Vor
fünf Jahren war die Neueröffnung der
Traditionswirtschaft nach langem Dornröschenschlaf.
Am Nachmittag sang der Liederkranz, am Abend spielte
eine Jazzband. "Es sollte Signal sein. Die
Leute sollten sehen, wofür im Bären Raum
ist", erinnert sich Christa Stöhr an jenen
17.Oktober 1999. Das war ihr Programm: Raum bieten
für Begegnung, Raum für Kultur, Raum für ein
schnelles Essen, für einen langen Abend. Dann
geschah Erstaunliches. Dieser Raum begann, sich zu
verselbständigen. Nach zwei Monaten kam die erste
Anfrage. Die Heß-Brüder hätten gerne ein
Jazz-Konzert im Bären gegeben.
Im Durchschnitt steht alle vier Wochen eine
Veranstaltung auf dem Programm. Auch abseits dieses
Angebots läuft einiges. Studierende der
Musikhochschule im benachbarten Trossingen sind
regelmäßig zu Gast und greifen zum Instrument,
Literatur, Kleinkunst, Musik finden ihren Weg in die
ungezwungene Atmosphäre. Jeder Gast darf, wenn er
sich berufen fühlt, ans Klavier sitzen oder in die
Gitarrensaiten greifen.
Für ein Gespräch ist keine Einladung nötig
Ein Höhepunkt war 2002 das Bildhauersymposion
"Kunst ins Ort". Spätestens damals begann
etwas, was vielleicht eine selten gewordene
Erfahrung ist. Wer will, kann sich alleine an einen
Tisch setzen. Wer das Gespräch sucht, findet
selbstverständlich Gesprächspartner. 2002 waren es
fünf Künstlerinnen und Künstler, die sich mit den
Kollegen und der Bevölkerung austauschten. Ganz
selbstverständlich. Es bedurfte keiner Einladung zu
einem "Künstlerstammtisch". Man aß,
trank, diskutierte, arbeitete zusammen. Das hat sich
erhalten. Der Professor sitzt neben dem
Straßenbauer bei einem Wurstsalat, einem Glas Bier
und einem Gespräch. Über die Politik, über die
eigene Arbeit, über den Liedermacher, der gerade
seine Klampfe einpackt. Der Professor freut sich
über die texte, der Straßenbauer über die
schnellen Akkordwechsel. Oder anders herum.
Verbürgt ist eine Anekdote:
Im Frühjahr bezog ein englischer Radtourist ein
paar Tage im Bären Quartier. Ein Gast setzte sich
ans Klavier und spielte Bach-Fugen. Das gefiel dem
trinkfesten Radwanderer so, dass er begann, den
Klavierspieler zu bezahlen. Krug um Krug. Bis nach
zwei Stunden beim besten Willen kein halbwegs
gescheiter Kontrapunkt mehr möglich war.
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